Deutsche Architektur

Die Anfänge des Kirchenbaus in Deutschland sind in den letzten dreissig Jahren viel klarer geworden. Vor dem letzten Krieg galten als die beiden vorkarolingischen Hauptbauten die Marienkirche auf der Feste Würzburg, ein Rundbau mit Nischen nach römisch-frühchristlichem Vorbild, und die erste Fuldaer Abtei-Kirche, eine kleine frühchristliche Basilika mit Seitenschiffen und Apsis. Nun wissen wir von vielen rechteckigen Saalkirchen mit recheckigem Chor; Apsiden sind seltener. Dagegen gab es offenbar, was die engl. Literatur Porticus nennt, d.h. räumlich nicht mit dem Hauptbau verbundene Nebenräume an den Langseiten vielleicht zur feierlichen Aufbahrung der Toten, als Prothesis und Diakonikon, vielleicht auch als Grabstätten. Die Baukunst Karls des Grossen und seiner Nachfolger bestätigt die Berechtigung, von einer karolingischen Renaissance (Karolingische Architektur) zu sprechen. Es ist ein Glücksfall, dass die Aachener Pfalzkapelle (jetzt Dom), die zu Karls späterem Lieblingspalast gehörte und 805 geweiht wurde, erhalten ist. Hier ist alles von höchster Qualität und alles beweist des Kaisers Absicht, römisch, kaiserlich und christlich zu bauen: Säulen aus Italien, die edlen Bronzegitter und vor allem der Plan, der in seinen wesentlichsten Bestandteilen auf S. Vitale in Ravenna zurückgeht. Hier, wie in der Schrift, der Buchmalerei und der lateinischen Dichtung ist die bewusste Renaissance der Spätantike evident. Einer der elegantesten Hofdichter war Bischof Theodulf von Orleans, für den Germigny-des-Pres, geweiht 806, mit seinem byzantinischen Grundriss gebaut wurde. Antikes Beispiel muss auch die grossartige Axialität von Kapelle und Kaiserhalle in Aachen inspiriert haben. In Ingelheim, einer anderen und früheren Lieblingspfalz (Pfalz) des Kaisers, weist die grosse Exedra am Ostende der Anlage ebenfalls auf Rom zurück. Die kleine Torhalle des Klosters Lorsch ist das einzige weltliche Denkmal, das uns aus dieser Zeit wohl erhalten blieb. Auch hier sind die römischen Einflüsse unverkennbar. Der grosse Neubau von Fulda (beg. 791) hat ein weitausgreifendes Westquerschiff in unmittelbarer Nachahmung von Konstantins Petersbasilika in Rom. Andere Bauten sind einfacher und weniger rein (Steinbach), aber gerade darin auf die Zukunft verweisend. Denn wir haben, meistens nur in Grundrissen und Rekonstruktionsversuchen, andere karolingische Bauten, die mehr dem MA, als der Spätantike angehören. Die wichtigsten sind Centula (St-Riquier) in der Picardie und St. Gallen in der Schweiz. St. Gallen, ein, dem Kloster anscheinend von einem hochgestellten Kölner Geistlichen vorgeschlagener Plan, hat eine West- und eine Ostapsis und zwei isolierte runde Westtürme wie ital. Campanili. Alles das sind neue Motive, und da der Plan von ca. 820 stammt, sind die Türme die ältesten datierbaren Kirchtürme, ebenso wie das Arrangement der Klosteranlage mit Kreuzgang, Dormitorium, Refektorium und Lagerräumen das älteste mit den wesentlichen mittelalterlichen Bestandteilen in der korrekten Position ist. Centula, 799 geweiht, hatte einen Vierungsturm, ein Westwerk mit einer Verbreiterung, die von aussen wie ein zweites Querschiff aussah, und einen zweiten Turm, der eine Wiederholung des Vierungsturmes war. Ein solches Äusseres, zudem bereichert mit vier runden Treppentürmchen, war ein völlige Neuerung. Die Abdinghof-Kirche in Paderborn, auch 799 geweiht, hatte eine Ost- und eine Westapsis wie St. Gallen und zwei runde Treppentürme wie Centula, und in Corvey, allerdings erst 873-75, ist ein Westwerk erhalten, das ganz dem Typ von Centula entspricht. Wir wissen auch von anderen Westwerken, teils aus franz. u. dt. Quellen und teils, weil die Bauten, z.B. in Werden (875ff.), noch existieren. Nach der dunklen Zeit des Zerfalls des Karolingerreiches folgte die Errichtung des Heiligen Römischen Reiches unter den Ottonen. Die Stärkung der Kaisermacht und die Verschiebung des Zentrums vom Rhein nach Sachsen findet in Bauten der ottonischen Architektur Ausdruck. Gernrode (961ff.) hat westliche Rundtürme und Stützenwechsel, St. Michael in Hildesheim (ca. 1001-33) hat zwei ausgeschiedenen Vierungen mit Türmen und das Langhaus mit Stützenwechsel ist nach dem Gebundenen System drei Vierungsquadrate lang. Die Kirche hat zudem zwei Chöre und vier Treppentürme. Diese reiche Aussengruppierung, die von hier aus im ganzen Reich ausschlaggebend wurde, ist eine Fortsetzung von Centula, hält alos an den Voraussetzungen des 8.-10 Jhs. fest, die bis ins frühe13. Jh. gültig blieben. Nicht so wirkungsvoll wie St. Michael, der Schöpfungsbau des "Gebundenen Systems", aber dennoch bedeutend, ist das Westwerk von St. Pantaleon in Köln, geweiht 980. Auch hier finden sich die runden Treppentürmchen und zugleich die Rundbogenfriese (Fries), die aus ital. Vorformen (Ravenna) entstanden. St. Pantaleon und St. Michael haben auch Würfelkapitelle in ihrer kompromisslosen, einfachen und logischen Form. Der Höhepunkt der kaiserlichen Macht wurde in der Zeit der Salier erreicht. mit ihr beginnt die Romanik. Um die Mitte des 11. Jhs. sind die deutschen Bauten grandiose und stilgeschichtlich wichtiger als die französischen. Das gilt im wesentlichen wie im kirchlichen Bereich. Kein anderes Land hat der Kaiserhalle Heinrichs III. in Goslar, um etwa 1050, etwas Gleichartiges an die Seite zu stellen. Im Kirchenbau ist der älteste der Hauptbauten Limburg a.d. Haardt (1025-45), auf der salischen Stammburg errichtet. Das Gebundene System und Würfelkapitell herrschen auch hier. Der Chor schliesst gerade ab und hat, ebenso wie das Querschiff, innen grosse Blendarkaden um die unteren Fenster. Diese Motiv war von der römischen Basilika in Trier übernommen, ein Zeichen dafür, in welche Richtung die stolze Salierzeit blickte. Dasselbe Motiv, aber nun kühner, sowohl die Arkaden als auch die Lichtgadenfenster (Obergaden) umfassend, charakterisiert den Bau Konrads II. in Speyer (beg. um 1030). Limburg war 73 m lang, die Länge von Speyer ist 133 m. Der überwältigend einfache Rhythmus des Baues ist durch die spätere Einwölbung gestört. Aber er hat sich in der mächtigen Krypta mit ihrem Wald von kurzen Säulen und den Würfelkapitellen erhalten. Eine zweite derartige Krypta besteht in St. Maria im Kapitol in Köln, einer anderen salischen Kirche von internationaler Bedeutung. Sie wurde 1065 geweiht und hat als ihr bezeichnendstes Motiv die drei gewaltigen Konchen oder Apsiden mit Umgängen nach Osten, Norden und Süden. Das Motiv, das ohne unmittelbare Vorläufer ist, steht am Beginn der Kölner romanischen Schule. Noch ungewöhnlicher ist der Grundriss des Domes von Trier, der um 1030 bis 40 begonnen wurde. Er entwickelte auf teilweise römischen Grundmauern ein System, das die Rhythmische Travee (Joch) der Renaissance ankündigte. Die Fassade hat eine Apsis und zwei Treppentürmchen und als ein neues, zukunftreiches Element eine Zwerggalerie. Die Zwerggalerie wurde in Italien beliebt und kehrte mit der lombardischen Bauplastik nach Deutschland zurück, als in Speyer der Chor unter Heinrich IV. ausgebaut wurde. Italiener müssen auch an anderen Orten gearbeitet haben, z.B. in Königslutter und bis hinauf nach Lund in Schweden. Unter Heinrich IV. erhielt Speyer auch sein Kreuzgewölbe (um 1080-90), das erste grosse Gewölbe in Deutschland. In dieser Beziehung stand Deutschland hinter Frankreich zurück, wo Tonnengewölbe Ihren Siegeszug schon im frühen 11. Jh. begonnen hatten. In Durham war zudem 1093 schon das erste Kreuzrippengewölbe entworfen worden. In Deutschland begannen Rippengewölbe erst im 2. Viertel des 12. Jh. (Murbach). Die Hauptzentren der um die Mitte des 12. Jhs. einsetzenden, gegen Ende des Jhs. und in den ersten Jahrzehnten des 13. Jhs. unter den Kaisern Heinrich VI. und Friedrich II. ihre Höhe und Reife gewinnenden Stauferzeit liegen entlang dem Rhein, von Elsass bis nach Köln und noch aufwärts bis ins Niederland. Mainz (1088ff.), Maria Laach (1093ff.) und Worms (1175ff.) bauten die grossartigsten Dome im Mittelrheingebiet. In ihnen findet der Typ von Centula seine Vollendung, zu einer Zeit, als Frankreich sich schon lange ganz anderen und neueren Raumformen zugewandt und auch bereitt aus dem Romanischen ins Gotische hinübergewechselt hatte. Am Niederrhein war jetzt Köln, das "heilige Köln", ausserordentlich fruchtbar. Die Dreikonchenanlage von St. Maria im Kapitol lebte unverbraucht wieder auf in St. Aposteln, in Gross-St. Martin, auch in St. Quirin, Neuss, und noch in St. Elisabeth, Marburg. Der Höhepunkt dieser Entwicklung lag erst im 13. Jh. Die Bauten haben nach wie vor reich und phantasievoll gruppierte Türme (die Dome von Bamberg und Naumberg sind vier-, die von Mainz und Worms sechstürmig, die Stiftskirchen von Limburg/Lahn ist siebentürmig), sie besitzen Zwergalerien und viel Bauplastik. Der Reichtum der Bauzier nimmt barocke Formen an (Westchor in Worms, Neuss), wenig beeinflusst durch die französische Kathedralgotik, die eben jetzt in Chartres, Reims und Amiens ihrer vollen klassischen Entfaltung entgegengeht. Gotische Formen waren damals keineswegs unbekannt in Deutschland. gotische Spitzbögen gab es schon im Braunschweiger Dom (1173ff.), und Köln benutzte fast überall Rippengewölbe. Einfluss von Laon findet sich in Limburg/Lahn und Gelnhausen um 1230. Doch alle Turmgruppen in Limburg und die plastische Üppigkeit der Bauglieder auch im Inneren lassen siese Bauten trotzdem romanisch erscheinen. Gelnhausen hat übrigens auch die üppigste staufische Pfalz. In Opposition zu diesen Bauten der Macht stehen die der Kluniazenser, deren Zentrum in Deutschland Hirsau (Hirsauer Bauschule) war. Hier wurde die Hauptkirche seit 1082 neugebaut. Sie hatte keine Turmgruppen, nur zwei schlanke Türme über den Ostjochen der Seitenschiffe, keine Bündelpfeiler, sondern einfache Säulen, meist mit Würfelkapitellen, und die Vorkirche (denn es war als eine Vorhalle) mit zwei Westtürmen nach burgundisch-kluniazensischem Vorbild. Unter den Hirsauer Kirchen sind vielleicht die eindruckvollsten Alpirsbach in Schwaben (Chorweihe 1099, vollendet bis ca. 1125) und Paulinzella in Thüringen (1112-1132). Der Einfluss von Hirsau lässt sich bis tief ins Österreichische verfolgen. Neben diesen romanischen Hauptentwicklungslinien entstanden der Ziegelbau Norddeutschlands (Jerichow, 1139ff.), die Hallenkirchen von Westfalen (Kirchlinde, ca. 1175) und davon unabhängig - von Bayern (Waldersbach ca. 1175) und die Zisterzienserbauten. Auch die Zisterzienser kamen ursprünglich wie die Kluniazenser aus Burgund, aber im Gegensatz zu diesen propagierten sie einen einheitlichen Stil in allen Ländern Europas. Einfachheit, besonders Fehlen der Türme, und ausgezeichnete Steinmetzarbeit, gerade abschliessende Chöre und Ostkapellen der Querschiffe kennzeichnen ihn. Maulbronn, gegründet 1147, hat im Chor die ersten Rippengewölbe östlich des Rheins; die Vorhalle (Paradies) und der Kreuzgang, beide reich gegliedert, stammen aus den 20er Jahren des 13. Jhs., das zweischiffige, monumentale Herrenrefektorium, straffer, "gotischer", ist kam viel jünger. Maulbronner Ordensbauleute wanderten nach Walkenried (1219ff.). In Norddeutschland bedienten sie sich des Backsteins, den sie so meisterhaft beherrschten wie anderwärts den Haustein (Lehnin, Chorin). In Burgund fiel den Zisterziensern die Entwicklung vom spitzbogigen romanischen zum gotischen Stil leicht. Auch in Deutschland waren sie Träger der frühen Gotik. Der Durchbruch der französischen Kathedralgotik, vorbereitet im Westchor des Bamberger Domes (um 1230-35), in der Elisabethkirche in Marburg (seit 1236), der Liebfrauenkirche in Trier (seit etwa 1242), vollzieht sich in den Neubauten des Kölner Domes (seit 1248) und des (in den Ostteilen nach frühgotischen) Strassburger Münsters (um 1250). Köln, das so lange an den romanischen Traditionen festhielt, schliesst sich jetzt engstens an die Kathedralen von Amiens und Beauvais an, und kann nur mit diesen zusammen genannt werden. Aber durchaus eigentümlcih ist die (im MA. nur in den unteren Teil des Südturmes ausgeführte) Fassade, die in einer Frankreich fremden Weise von den beiden Turmriesen beherrscht wird. Rein gotisch in allen ihren Formen, den konstuktiven ebenso wie auch den dekorativen, ist auch die nur wenig ältere Marburger Elisabethkirche, aber der Dreikonchenabschluss der Ostteile hängt noch an den rheinishcen (romanischen) Überlieferungen, und der Hallenquerschnitt der Schiffe folgt westfälischen und also auch älteren heimischen Anregungen. Eine trotz des hier ebenfalls vollendet beherrschten französischen gotischen Vokabulars individuelle, originale Schöpfung ist die Trierer Liebfrauenkirche: eine zentrale Anlage über griechischem Kreuz. Von hier an ist deutsche Gotik die Gotik der Hallenkirche. Südostdeutsche romanische Hallenkirchen existieren bereits, und aus ihm formen sich die gotischen Hallenchöre von Lilienfeld (geweiht 1230), Heiligenkreiuz (geweiht 1295) und Zwettl (1343ff.). Zugleich fährt Westfalen fort, Hallen zu bauen, nun aber gotische Hallen (Osnabrück, 1256-92; Münster, Langhaus, ca.1267ff.). Es finden sich auch Hallen im Nordosten (Marienkirche in Greifswald, ca. 1250ff.), im mittleren Osten (Marienstern, 1248ff.) und vor allem bei den Bettelorden. Hier war das Programm Einfacheit und Weiträumigkeit. Ein frühes Beispiel ist die Dominikanerkirche in Frankfurt (ca. 1240). Wie die Hallenkirche die Anzahl der Bauglieder im Aufriss reduziert, so findet sich dasselbe bei der Basilika im Weglassen des Triforiums oder der Empore (Halberstadt), in anderen Fällen in der Knappheit der hohen, schlanken, einheitlichen Fenster (Wiesenkirche in Soest, Chor in Aachen, auch Zwettl) und im Grundriss im Weglassen des Umganges (Regensburg). Der einflussreichste Bau aus dem 2. Drittel des 14. Jhs. ist die Heiligkreuzkirche in Schwäbisch-Gmünd, schon auf der Grenze zur Spätgotik (Langhaus ca. 1330, Chor 1351 begonnen). Hier gibt es schlanke Rundpfeiler, Kapellen zwischen den eingezogenen Strebepfeilern und eine gelagerte Breite im Aussenbau, betont durch die zweistöckigen Fenster. Die Parler-Familie ist mit dem Bau verbunden. Sie ist die erfolgreichste Sippe von Baumeistern im deutschen Raum. Überhaupt ist es für die Zeit typisch, dass nun mehr Namen und sogar persönliche Schicksale bekannt sind - Heinrich Parler z.B., der nach Mailand berufen wird, aber bald wegen einheimischer Opposition demissioniert. Auch Hüttenordnungen kennen wir, und so ist der Baubetrieb des späten Mittelalters viel lebendiger für uns als der der früheren Jahrhunderte. Peter Parler wurde 1353 an den Prager Dom berufen. Die Gewölbe der Seitenkapellen, die er zwischn 1360 und 1370 ausgklügelt haben muss, und die Gewölbe des Hochchores, um etwa 1375, stehen am Anfang des figurierten Gewölbesin Deutschland. Sogar fliegende Rippen hat Parler schon benutzt. Beziehungen zu den erhelblich früheren figurierten Gewölben von England sind sicher, lassen sich aber schwer fassen. Beziehungen zum deutschen Nordosten sind auch vorgeschlagen worden (Pelplin). Jedenfalls entwickelte sich von den Gmünder und Prager Chören her ein Nationalstil der Spätgotik, den man mit Recht als deutsche Sondergotik bezeichnet hat. Im 15. und frühen 16. Jh. hat er herrliche Blüten getrieben. Was ihn charakterisiert sind einfaches Äusseres mit grossen Dächern, schlanke Pfeiler, die ohne Kapitelle in die phantastisch reichen und komplizierten Rippengewölbe übergehen und mannigfache diagonale Durchblicke durch den Raum, der sich damit als eine Einheit darbietet, während er noch im 13. Jh. in eine Anzahl paralleler Einheiten aufgeteilt war. Einer der grossen, wohl in Böhmen, im Parlerkreis geschulten Meister des 14./15. Jhs. war Hans Stethaimer, Schöpfer so mächtiger Hallenkirchen wie die Stadtpfarrkirchen in Landshut und Straubing und des Chors der Salzburger Franziskanerkirche. Andere grosse Kirchen des Jhs. sind Nördlingen (1427ff.), Dinkelsbühl (1448ff.), Amberg (1421ff.), der Lorenzchor in Nürnberg (1445ff.) und die Münchener Frauenkirche (1468ff.). Die Frauenkirche hat noch die zwei traditionellen Westtürme, aber die Leidenschaft der Spätgotik in den meisten Ländern war der Einzelturm, so hoch und so kühn wie amn ihn riskieren und sich leisten konnte. Der bezaubernd durchbrochene Turmhelm von Freiburg war schon ca. 1330 aufgesetz worden, die Entscheidung, in Strassburg dem Unterbau für Doppeltürme einen Einzelturm aufzusetzen, datiert vom späteren 14. Jh., und der Ulmer Turm, in seiner im 19. Jh. vollendeten Gestalt der höchste Kirchturm der Welt (161 m), war 1377 entworfen worden. Die Mehrzahl der in diesem Absatz genannten Kirchen - auch Ulm - waren Stadtpfarrkirchen, und auch das ist charakteristisch für die Spätgotik. Im norddeutschen Backsteingebiet sind die wichtigsten die Marienkirche in Lübeck und die Marienkirche in Danzig. Aber was den internationalen Ruhm der preussischen Baukunst des Mittelalters mehr als alles andere bestimmt hat, sind die Bauten des Deutschen Ordens, die Marienburg, Marienwerder, und in diesem Zusammenhang auch das Thorner Rathaus, eines der monumentalsten Rathäuser seiner Zeit in Europa. Andere bedeutende spätmittelalterliche Rathäuser sind die in Stralsund (mit dem schönen Spiel der Ziegeldekoration), Braunschweig und Köln (der Gürzenich, d.h. ein städtischer Saalbau). In Lübeck hat sich ausser dem Rathaus des späten 13. und frühen 14. Jhs. das monumentale Heiliggeist-Spital (1276-86) erhalten. Bürgerhäuser haben wir in vielen Städten. Die bekanntesten sind Fachwerkbauten. Der Übergang von der Burg zum Schloss vollzog sich aus politischen Gründen langsam. Er lässt sich auf einzelnen grossen Burgen verfolgen, so in Meissen (1471-83) und in Prag. Der Wladislawsaal in Prag von Rieth, Benedikt wurde 1493 begonnen. Er hat Rippen in kurvigem Verlauf, eine letzte Verfeinerung, die später in Kuttenberg und Brüx und jenseits des Erzgebirges in Annaberg und Pirna übernommen wurde. Aber der Wladislawsaal zeigt auch italienische Renaissancemotive, unvollkommen verstanden, aber doch ein Zeichen der kommenden Abkehr von der Gotik. In Ungarn, Polen und Böhmen erscheinen sie zuerst. In Deutschland ist die Fuggerkapelle in Augsburg der erste italienisch (venezianisch) gemeinte Bau (1509ff.). Gleichzeitig brachte Dürer, Albrecht aus Venedig die Vorliebe für Renaissanceformen mit. In der Baudekoration sind es mehr noch als venezianische die lombardischen Frührenaissance-Bauten des frühen 16. Jhs., die mit Entzücken angesehen und nachgeahmt wurden (Sakristeitür in Breslau, 1517; Georgentor in Dresden (1534). Mehr als solche Nachahmungen von Zierformen gibt es selten. Eine Ausnahme bildet die Residenz in Landshut. Hier wurde 1536 von Italienern der Stil von Romano, Giulio, d.h. der Hochrenaissance auf der Schwelle zum Manierismus nach Deutschland übertragen. Doch konnte solche Reinheit und Zurückhaltung noch auf lange keinen Anklang finden. Statt dessen war es die manieristische Dekoration der Niederlande, die sich einbürgerte, selten in so einheitlicher und monumentaler Form präsentiert wie im Ottheinrichsbau in Heidelberg (1556-66), wo auch französische und italienische Inspiration am Werk war. Krichenneubauten sind selten, doch muss an die Innsbrucker Hofkirche (1553-63) und an Marienberg in Sachsen (1558ff.)erinnert werden. Ein eigentlich deutscher Stil - zu Unrecht Deutsche Renaissance genannt - bildet sich um die Mitte des 16. Jhs. aus. Die Proportion wird stämmig, die Dekoration deftig. Die Rathäuser von Leipzig (1556ff.) und Rothenburg (1572), das vormalige Lusthaus in Stuttgart (1578ff.), eine Anzahl westfälischer Wasserschlösser (Horst, 1558 ff.) und so prunkhafte Bürgerhäuser wie das Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo (1571), der "Ritter" in Heidelberg (1592) und das Pellerhaus in Nürnberg (1605) sind Beispiele. Höhepunkte sind das Zeughaus Danzig (1602ff.) und der Heidelsberger Friedrichsbau (1601ff.). Eine ernstlichere Auseinandersetzung mit Italien bringt erst das frühe 17. Jh. eine Ausnahme bilden die Bauten Wilhelms V. von Bayern, vor allem das Antiquarium in der Residenz (1569ff) und die Michaelskirche (1582ff.) in München, beide mit Tonnengewölben, wenn auch unverkennbar nicht italienisch. Reinheit ohen Imitation kam schliesslich mit dem Augsburger Rathaus (1610-20 von Holl und dem Nürnberger Rathaus (1616-22 von Wolff). Im Kirchenbau stehen die wesentlichen deutsch-protestanischen Kirchen Franckes (Francke, Paul) in Wolfenbüttel (1604-15) und Bückeburg (1613ff. den halb-italienischen, kath. der Universität in Würzburg (1583ff.) und der Jesuiten in Neuburg (1607ff.) gegenüber. Aber auch die katholische Bauten sind durchaus selbständig. Wie die Dinge sich von hier weiterentwickelt haben würden, wenn der Dreissigjährige Krieg nicht gekommen wäre, können wir nicht sagen. Nach Überwindung der ersten harten Nachkriegsjahre findet man jedenfalls einen Neubeginn : italienischer Barock (und böhmischer Barock) befruchtet den katholischen Süden, holländisch-französischer Klassizismus den protestantischen Norden. Die Unterscheidung von Süd und Nord, von katholisch und protestantisch ist eine Notwendigkeit, wenn man die Stile unterscheiden will. Ebenso muss man sich immer vor Augen halten, dass das, was wir Deutschland (und Österreich) nennen, aus über tausend so gut wie völlig unabhängigen politischen Einheiten bestand, wenn auch nicht immer in der Identität zwischen geographischen und politisch-religiösen Kriterien festgestellt werden kann. Sachsen illustriert diese Komplikation. Im selben Dresden baute Pöppelmann, Matthäus (Matthes) Daniel, der aus dem gemischt protestantisch-katholischen Westfalen kam, den Zwinger (1711ff.) in einem überzeugt italienisch-süddeutschen Stil, Bähr die portestantische Frauenkirche (1725ff.) als norddeutsch-zentrale Predigtkirche, jedoch mit einem süddeutschen Schwung der Konturen, und Chiaveri, Gaetano die kath. Hofkirche (1738-56) in römischem Barock, aber im Innern nicht ohne Beeinflussung durch die Schlosskapelle in Versailles. In Schlesien wird der katholisch-protestantische Gegensatz von Grüssau (1728ff.) auf der einen, der Gnadenkirche in Hirschberg auf der anderen Seite dokumentiert. Brandenburg-Preussen gehört ganz dem nach Westen orientierten Norden an. Nering, Johann Arnold sah nach den Niederlanden, Schlüter, Andreas nach Paris, aber zugleich auf Bernini, Gianlorenzo und seine römischen Pläne für den Louvre, Bodt, Jean de nach Paris. Sanssouci (1745-47), selbst konzipiert von Friedrich dem Grossen, ist eine französische "maison de plaisance", aber in der Form mit seinen Atlanten und Karyatiden unmittelbar vom Zwinger inspiriert. Das Rokoko der Dekoration hier und in anderen friderizianischen Bauten darf man als deutsch bezeichnen, wenn auch ursprünglich die Rocaille in Paris erfunden worden war. Aber Friedrich war ein Eklektiker und auf seinen Wunsch wurden in Potsdam auch der Palazzo Barberini in Rom, Palladio, Andrea und Castle Howard imitiert, und das Nauener Tor von 1755 ist ein sehr früher Fall imitierten Mittelalters, offenbar unter englischenm Einfluss. Mitteldeutschland, westlich von Sachsen, spielt eine verhältnismässig kleine Rolle. Das Rheinland war natürlich nach Frankreich gewandt. Cotte, Robert de entwarf Poppelsdorf (1715) für den Kurfürsten von Köln, Pigage, Nicolas de Schloss Benrath (1755) für den Kurfürsten von der Pfalz. Andererseite spielen in der Geschichte von Ludwigsburg der Italiener Frisoni, Donato Giuseppe und der brilliante italienische Stukkateur Diego Carlone hinein. Noch komplizierter ist die Mischung in der Würzburger Residenz. Aber aus Franken muss zuerst die Stiftskirche Haug (1670ff.) von Petrini, Antonio erwähnt werden, die wesentlich italienischer Barock ist und die Kirche des Klosters Banz (1710ff.) von Dientzenhofer, Johann, die durch ihre dreidimensionalen Bögen mit den Bauten der böhmischen Dientzenhofer (Dientzenhofer, Kilian Ignatz> zusammenhängt und durch diese mit denen Guarinis (Guarini, Guarino). In Johann Dientzenhofers (Dientzenhofer, Johann) Bauherren, der Schönborn-Familie, auch Einwirkungen von Welsch, Maximilian von, d.h. von Mainz, und von Hildebrandt, Johann Lukas von d.h. von Wien, bemerkbar. Die Mischung in der Würzburger Residenz ist besonders faszinierend um so mehr, als es Neumann, Johann Balthasar am Ende triumphal gelang, sich das Gesamtwerk zu eigen zu machen. In den ersten Jahren - Baubeginn 1720 - wurden Welsch, Maximilian von, Cotte, Robert de und mehr noch Boffrand, Gabriel Germain konsultiert. Dann aber schlug Bischof Friedrich Carl von Schönborn die Hauptverbindung nach aussen, zu Hildebrandt, Johann Lukas von aus Wien. Hildebrandt, Johann Jakob von war , wie die Böhmen, von der raumvereinenden Energie der dreidimensionalen Bögen Guarinis (Guarini, Guarino) überzeugt, und es muss offen bleiben, ob sie die Hofkirchen (1734-41) via Hildebrandt, Johann Lukas von oder via Welsch, Maximilian von und von Neumann, Johann Balthasar früher Schönbornkapelle am Dom (1723ff.) erreichten. Trotz allem Einfluss von Hildebrandts (Hildebrand, Johann Lukas von) Wiener Belvedere ist die Residenz eine Einheit, in die sich auch das grossartige Rokokko Tiepolos und des Bildhauers und Stukkateurs Antonio Bossi einfügt. Welche Höhen Neumann, Johann Balthasar auf sich selbst gestellt erklimmen konnte, zeigt das Bruchsaler Treppenhaus (1731-32), räumlich bedeutsamer als das spätere und dekorativ unerreichte Brühler Treppenhaus (1743-48) und zeigen vor allem die beiden Meisterkirchen der 40er Jahre: Vierzehnheiligen (geb. 1743) und Neresheim (begon. 1745). Vierzehnheiligen ist eine geniale Komposition sich berührender und überschneidender Ovale, Neresheim - vielleicht weil es in dem weniger dynamischen Schwaben liegt - arbeitet mehr mit Kreisen. Der schwäbische Typ ist die Wandpfeilerkirche. Die Beispiele gehen mit Ellwangen (1682ff.) über Obermarchtal (1586ff.) und Friedrichshafen (1695ff.)zu dem ungewöhnlich grossen Weingarten (1715). Die Architekten gehören den Vorarlberger Familien Thumb und Beer, Georg (Vorarlberger Bauschule) an. Später ging die Führung von ihnen auf den Bayern Johann Michael Fischer über. In Bayern war die Situation kompliziert. Das letzte Drittel des 17. Jhs. begann - wie in anderen Landschaften - im italienischen Barockbauten von italienischen Architekten (Barelli, Agostino; Zuccalli, Viscardi, Giovanni Antonio). Die Hauptwerke sind die Theatinerkirche in München (1663-75) und der Passauer Dom (von Lurago, 1668ff.). Der Stil wurde bis ins 18. Jh. hinein beibehalten. Dann aber wechselte Kurfürst Max Emanuel, der lange Jahre in Frankreich verbracht hatte, die Richtung. Effner, Josef sein "premiers archiecte", war in Paris unter Boffrand, Gabriel Germain ausgebildet worden, und Effners (Effner, Josef) Nachfolger wurde der Franzose Cuvilles. Das erklärt die "maisons de plaisance" im Nymphenburger park in München (Badenburg 1718; Amalienburg 1734). Es erklärt auch die Rokoko-Ornamentik, wenngleich ihre Üppigkeit und Phantasie weit über alles Französische hinausgehen und Cuvilles als Mahldeutschen ausweisen. Zugleich waren die Brüder Asam in derselben Richtung räumlich-dekorativ tätig (Weltenbuerg, Rohbau 1718; Rohr, 1721-25 St. Johann Nepomuk in München, 1733ff.). Beinahe aufs Jahr stimmen die Geburtsdaten von Dominikus Zimmermann und Johann Michael Fischer mit denen der Brüder Asam überein, doch ist das Weiss und Gold und die hellere Farbe der Zimmermannkirchen (Steinhausen 1727ff.; Wies, 1745 ff) und Fischerkirchen (Diessen, 1732ff.; Ottobeuren, 1744ff.; Zwiefalten 1738ff.; Rott, 1759ff.) stilgeschichtlich später als das Braun und Gold, das die Asams bevorzugten. Zimmermanns Ovale und und Fischers Synthese von Langhaus und Zentralbau entsprachen den Raumschöpfungen von Neumann, Johann Balthasar. Zopf ist der deutsche Name für den Louis-seize-Stil (Frankreich). Er ist gekennzeichnet durch einfache Grundrisse (z.B. Kreise statt Ovale), geschlossenere Konturen (z.B. Tempelfassaden als Zentren, mit und ohne Giebel), schlichtere und sparsamer verteilte Dekoration und oftmals Betonung guten Steinschnitts. Die Quellen liegen im Wohnbau in England (Grossbritannien), aber auch Frankreich spielte eine wichtige Rolle. Beispiele gibt es in ganz Deutschland: im Kirchenbau des Südwestens Ulm-Wiblingen (von Specht, 1772-81) als Abwandlung des spätbarocken Kirchenschemas und St. Blasien (von Ixnard, Pierre Michel d`, 1771ff.) als radikalere Lösung, in Mittel- und Norddeutschland das Innere der Nikolaikirche in Leipzig (von J.F.K. Dauthe, 1784) und die Kirche in Ludwigslust (von J.J. Busch, 1765-70). Im Schlossbau sind offensichtlich besonders gern englische Bauten zum Vorbild genommen worden: gute Beispiele sind das Wörlitzer Schloss (Erdmannsdorf, Friedrich Wilhelm Freiherr von der England gut kannte, 1769) und der runde Englische Pavillon in Pillnitz (von Weinlig, 1789). Das Schloss in Benrath (1755-69)und die Solitude bei Stuttgart (1763-67) liegen noch früher und repräsentieren die Entwicklung ins französische Louis-seize (Piage; Guepiere, Pierre-Louis-Philippe beide Architekten Franzosen). Einen Schritt weiter führt das Kurfürstliche Schloss von Koblenz in rein französischen Louis-seize (von A.F. Peyre, 1777-86, stark verändert), weiter in Mitteldeutschland das Kasseler Museum Fridericianum (1769-76) und Schloss Wilhelmshöhe bei Kassel (1786f.), beiden von Simon-Louis Du Ray oder das Weimarer Schloss von Gentz. In und um Berlin sind die beiden Kirchen auf dem Gendamenmarkt (von Gontard und Langhans, Carl Gotthard, 1786-90) zu nennen. Aber Langhans weist schon in das kommende Jh. voraus, ebenso wie das schon erwähnte Nauener Tor in Potsdam (1755). Wo sonst mittelalterliche Formen vor 1800 auftreten, sind sie noch spielerisch, fast rokokomässig verwandt, so in der Neudekorierung der Klosterkirche Salem (1766-93), in dem Vierungsturm des Mainzer Domes (1768-74) von F.J. Neumann und im Gotischen Haus in Wörlitz (1784-86). Der Umschwung zu tieferer und begeisterter Würdigung der Gotik wurde in Goethes Essay über das Strassburger Münster schon 1772 angebahnt, aber von den Architekten erst viele Jahrzehnte später aufgenommen; Gillys Lithographien der Marienburg (1799) und dann der Grabmalentwurf für Königin Luise (1810) von Schinkel, Karl Friedrich müssen hier genannt werden. Wichtiger wurden Gilly und Schinkel, Karl Friedrich aber für die Hinwendung zum Klassizismus. Gilly trieb den Stil in den wenigen Jahren, die es ihm vergönnt war zu schaffen, fast bis zur Vollendung. Vorbereitet war er in Langhans` revolutionärem Brandenburger Tor von 1788. Gilly entwickelte aus der Dorik als der mächtigsten Säulenordnung (dorische Ordnung) und aus den Ideen und Formen von Ledoux, Claude-Nicolas in seinem Entwurf für ein Nationaldenkmal für Friedrich den Grossen und in den Plänen für das Nationaltheater extrem kubische Formen ohne alle Anlehnug an vergangene Zeitstile, so wie sie erst Messel nach 1900 wieder wagte. er beeinflusste Schinkel, Karl Friedrich und auch die Anfänge Klenzes (Klenze, Leo von) in Müchen. Weder Schinkel, Karl Friedrich noch Klenze aber waren so kühn wie er und Ledoux, Claude-Nicolas. Rein klassizistisch sind das Werk von Weinbrenner, Friedrich in Karlsruhe (seit 1800, weitgehend zerstört), das Danziger Stadttheater (1798-1801) von Held und das Würzburger Frauenzuchthaus (1809 von Speeth). Schinkel, Karl Friedrich war ohne Frage der bedeutendste Architekt des Klassizismus, nicht nur in Preussen, ja nicht nur in Deutschland. Neben seiner Neuen Wache, seinem Alten Museum und seinem Schauspielhaus, alle in Berlin, stehen aber auch anglo-gotische Bauten wie die Werdersche Kirche und Neubabelsberg, die denkwürdigen Kirchenentwürfe seiner Spätjahre in einm frei behandelte Rundbogenstil und die vom Historismus sich völlig freihaltenden Bauten wie die Bauakademie (abgerissen). Klenzes Historismus ist bestimmt umrissen: er umfasst die frühchristlich-italienisch-romanische Allerheiligen-Hofkirche (1826ff.), das Leuchtenberg-Palais (1816) und den Königsbau der Residenz (1826), alle in München, in entschiedenen Quattrocento (Italien), obwohl er mit der strengsten perikleischen Ordnung noch bis in die 30er Jahre operierte (Walhalla Regensburg). Damit war alles bereit für den Stil, der von den 30er Jahren bis zum Anfang des 20. Jhs. herrschte. Es ist der Stil des Eisenbahnzeitalters, der Historismus, d.h. das Nachahmen von mehr als zwei Stilen der Vergangenheit gleichzeitig, entweder gemäss gewissen evokativen oder assoziativen Kriterien oder einfach gemäss den Wünschen der Bauherren. Chronologisch folgen aufeinander Dorik (Klassizismus), Neugotik, italienische Neurenaissance, zum üppigen Cinquecento sich steigernd und dann in noch üppigeren Neubarock einmündend; gleichzeitig gelten französische Renaissance (gelegentlich; im Schweriner Schloss von 1844ff. auffallend früh) und deutsche Renaissance (vor allem seit 1870) als Vorbild. Beispiele können wieder aus allen Teilen Deutschlands zusammengetragen werden. Der Rundbogenstil hielt durch die Mitte des 19. Jhs. an. er kann frühchristlich oder italienisch-romanisch sein, verschmilzt aber auch mit dem Quattrocento und dem frei Asymmetrischen sogen. italienischen Villenstil, den Barry in England eingeführt hatte. Zum ersten Typ gehören Gärtners Ludwigskirche in München (1829ff.) und Persius` Kirche in Sakrow bei Potsdam (1841ff.), aber auch - kurioserweise - eine Anzahl von Bahnhöfen, z.B. Karlsruhe (1842) und München (1847-49) von Bürklein. Der Thüringer Bahnhof in Leipzig (1856) jedoch hatte die typischen Villentürme. Dieser Villenstil sagte Friedrich Wilhelm IV. zu, und er verwandte ihn für die Orangerie bei Potsdam und den Pfingstberg. Karlsruhe wurde, dank Hübsch eine Hochburg des Rundbogenstils (z.B. die Technische Hochschule, 1833ff.). In Hannover hielt sich dieser Stil bis tief in die Hälfte des 19. Jhs. Die Entwicklung von der zurückhaltenden Neurenaissance des frühen Neoquattrocento zum üppigeren Stil des späteren Neocinquecento ist schon angespielt in derjenigen von Klenzes Königsbau von 1826 zu seinem Festsaalbau der Münchener Residenz von 1832. Sie ist besonders schlagend dokumentiert in Sempers erstem und seinem zweiten Dresdener Opernbau, d.h. 1834-41 und 1871-78. Zwischen dem freien Cinquecento und dem Neubarock fluktuiert die Grenze. Jedenfalls sind noch afu der Cinquecentoseite die Technischen Hochschulen von Dresden (1872ff.) und Charlottenburg (1878ff., heute Technische Universität), ist auf der Grenze zum Barock die Börse in Frankfurt (1874ff.) und sind voll-barock Paul Wallots Reichstag von 1884ff. und Raschdorffs Berliner Dom von 1894ff. Mit dem Reichsgericht in Leipzig von Hoffmann setzt schon 1887ff. eine Wendung zu grösserer Zurückhaltung ein. Für Kirchen blieb die Gotik vorherrschend. Die Entwicklungslinien seit etwa 1850 müssen von der Forschung noch gezogen werden. Berlin hat im späten 19. Jh. interessante protestanische Grundrisse. Romanische Bauten werden im Wilhelminischen wieder propagiert (Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche von Schwechten, 1895ff.). Im Profanbau tritt die Gotik mehr und mehr zurück, obwohl Rathäuser ihr noch anhängen (Berlin, 1861ff., von Waesemann, sehr zurückhaltend; München, 1867ff., von Hauberrisser, niederländisch-üppig; und Wien). Die norddeutsch-niederländische Renaissance löst die Gotik ab (Gerichtsgebäude Köln, 1869ff.; Rathaus Bielefeld, 1902ff.). Andere Stile sind seltener, so etwa der Perraults in Hitzigs Berliner Börse von 1859-63 und der von Versailles in Herrenchiemsee von 1878ff. Die Bauten Ludwigs II. von Bayern (Neuschwanstein, beg. 1869) gehören zu jenem europäischen Historismus, der in Frankreich unter Napoleon III. zur Erbauung des Schlosses Pierrefonds (1848-70), in Deutschland zur Wiedererrichtung der {Hohenzollern">Weissenstein Pommersfelden> aber machen sich infolge der Bauherren, der Schönborn-Familie, auch Einwirkungen von Welsch, Maximilian von, d.h. von Mainz, und von Hildebrandt, Johann Lukas von d.h. von Wien, bemerkbar. Die Mischung in der Würzburger Residenz ist besonders faszinierend um so mehr, als es Neumann, Johann Balthasar am Ende triumphal gelang, sich das Gesamtwerk zu eigen zu machen. In den ersten Jahren - Baubeginn 1720 - wurden Welsch, Maximilian von, Cotte, Robert de und mehr noch Boffrand, Gabriel Germain konsultiert. Dann aber schlug Bischof Friedrich Carl von Schönborn die Hauptverbindung nach aussen, zu Hildebrandt, Johann Lukas von aus Wien. Hildebrandt, Johann Jakob von war , wie die Böhmen, von der raumvereinenden Energie der dreidimensionalen Bögen Guarinis (Guarini, Guarino) überzeugt, und es muss offen bleiben, ob sie die Hofkirchen (1734-41) via Hildebrandt, Johann Lukas von oder via Welsch, Maximilian von und von Neumann, Johann Balthasar früher Schönbornkapelle am Dom (1723ff.) erreichten. Trotz allem Einfluss von Hildebrandts (Hildebrand, Johann Lukas von) Wiener Belvedere ist die Residenz eine Einheit, in die sich auch das grossartige Rokokko Tiepolos und des Bildhauers und Stukkateurs Antonio Bossi einfügt. Welche Höhen Neumann, Johann Balthasar auf sich selbst gestellt erklimmen konnte, zeigt das Bruchsaler Treppenhaus (1731-32), räumlich bedeutsamer als das spätere und dekorativ unerreichte Brühler Treppenhaus (1743-48) und zeigen vor allem die beiden Meisterkirchen der 40er Jahre: Vierzehnheiligen (geb. 1743) und Neresheim (begon. 1745). Vierzehnheiligen ist eine geniale Komposition sich berührender und überschneidender Ovale, Neresheim - vielleicht weil es in dem weniger dynamischen Schwaben liegt - arbeitet mehr mit Kreisen. Der schwäbische Typ ist die Wandpfeilerkirche. Die Beispiele gehen mit Ellwangen (1682ff.) über Obermarchtal (1586ff.) und Friedrichshafen (1695ff.)zu dem ungewöhnlich grossen Weingarten (1715). Die Architekten gehören den Vorarlberger Familien Thumb und Beer, Georg (Vorarlberger Bauschule) an. Später ging die Führung von ihnen auf den Bayern Johann Michael Fischer über. In Bayern war die Situation kompliziert. Das letzte Drittel des 17. Jhs. begann - wie in anderen Landschaften - im italienischen Barockbauten von italienischen Architekten (Barelli, Agostino; Zuccalli, Viscardi, Giovanni Antonio). Die Hauptwerke sind die Theatinerkirche in München (1663-75) und der Passauer Dom (von Lurago, 1668ff.). Der Stil wurde bis ins 18. Jh. hinein beibehalten. Dann aber wechselte Kurfürst Max Emanuel, der lange Jahre in Frankreich verbracht hatte, die Richtung. Effner, Josef sein "premiers archiecte", war in Paris unter Boffrand, Gabriel Germain ausgebildet worden, und Effners (Effner, Josef) Nachfolger wurde der Franzose Cuvilles. Das erklärt die "maisons de plaisance" im Nymphenburger park in München (Badenburg 1718; Amalienburg 1734). Es erklärt auch die Rokoko-Ornamentik, wenngleich ihre Üppigkeit und Phantasie weit über alles Französische hinausgehen und Cuvilles als Mahldeutschen ausweisen. Zugleich waren die Brüder Asam in derselben Richtung räumlich-dekorativ tätig (Weltenbuerg, Rohbau 1718; Rohr, 1721-25 St. Johann Nepomuk in München, 1733ff.). Beinahe aufs Jahr stimmen die Geburtsdaten von Dominikus Zimmermann und Johann Michael Fischer mit denen der Brüder Asam überein, doch ist das Weiss und Gold und die hellere Farbe der Zimmermannkirchen (Steinhausen 1727ff.; Wies, 1745 ff) und Fischerkirchen (Diessen, 1732ff.; Ottobeuren, 1744ff.; Zwiefalten 1738ff.; Rott, 1759ff.) stilgeschichtlich später als das Braun und Gold, das die Asams bevorzugten. Zimmermanns Ovale und und Fischers Synthese von Langhaus und Zentralbau entsprachen den Raumschöpfungen von Neumann, Johann Balthasar. Zopf ist der deutsche Name für den Louis-seize-Stil (Frankreich). Er ist gekennzeichnet durch einfache Grundrisse (z.B. Kreise statt Ovale), geschlossenere Konturen (z.B. Tempelfassaden als Zentren, mit und ohne Giebel), schlichtere und sparsamer verteilte Dekoration und oftmals Betonung guten Steinschnitts. Die Quellen liegen im Wohnbau in England (Grossbritannien), aber auch Frankreich spielte eine wichtige Rolle. Beispiele gibt es in ganz Deutschland: im Kirchenbau des Südwestens Ulm-Wiblingen (von Specht, 1772-81) als Abwandlung des spätbarocken Kirchenschemas und St. Blasien (von Ixnard, Pierre Michel d`, 1771ff.) als radikalere Lösung, in Mittel- und Norddeutschland das Innere der Nikolaikirche in Leipzig (von J.F.K. Dauthe, 1784) und die Kirche in Ludwigslust (von J.J. Busch, 1765-70). Im Schlossbau sind offensichtlich besonders gern englische Bauten zum Vorbild genommen worden: gute Beispiele sind das Wörlitzer Schloss (Erdmannsdorf, Friedrich Wilhelm Freiherr von der England gut kannte, 1769) und der runde Englische Pavillon in Pillnitz (von Weinlig, 1789). Das Schloss in Benrath (1755-69)und die Solitude bei Stuttgart (1763-67) liegen noch früher und repräsentieren die Entwicklung ins französische Louis-seize (Piage; Guepiere, Pierre-Louis-Philippe beide Architekten Franzosen). Einen Schritt weiter führt das Kurfürstliche Schloss von Koblenz in rein französischen Louis-seize (von A.F. Peyre, 1777-86, stark verändert), weiter in Mitteldeutschland das Kasseler Museum Fridericianum (1769-76) und Schloss Wilhelmshöhe bei Kassel (1786f.), beiden von Simon-Louis Du Ray oder das Weimarer Schloss von Gentz. In und um Berlin sind die beiden Kirchen auf dem Gendamenmarkt (von Gontard und Langhans, Carl Gotthard, 1786-90) zu nennen. Aber Langhans weist schon in das kommende Jh. voraus, ebenso wie das schon erwähnte Nauener Tor in Potsdam (1755). Wo sonst mittelalterliche Formen vor 1800 auftreten, sind sie noch spielerisch, fast rokokomässig verwandt, so in der Neudekorierung der Klosterkirche Salem (1766-93), in dem Vierungsturm des Mainzer Domes (1768-74) von F.J. Neumann und im Gotischen Haus in Wörlitz (1784-86). Der Umschwung zu tieferer und begeisterter Würdigung der Gotik wurde in Goethes Essay über das Strassburger Münster schon 1772 angebahnt, aber von den Architekten erst viele Jahrzehnte später aufgenommen; Gillys Lithographien der Marienburg (1799) und dann der Grabmalentwurf für Königin Luise (1810) von Schinkel, Karl Friedrich müssen hier genannt werden. Wichtiger wurden Gilly und Schinkel, Karl Friedrich aber für die Hinwendung zum Klassizismus. Gilly trieb den Stil in den wenigen Jahren, die es ihm vergönnt war zu schaffen, fast bis zur Vollendung. Vorbereitet war er in Langhans` revolutionärem Brandenburger Tor von 1788. Gilly entwickelte aus der Dorik als der mächtigsten Säulenordnung (dorische Ordnung) und aus den Ideen und Formen von Ledoux, Claude-Nicolas in seinem Entwurf für ein Nationaldenkmal für Friedrich den Grossen und in den Plänen für das Nationaltheater extrem kubische Formen ohne alle Anlehnug an vergangene Zeitstile, so wie sie erst Messel nach 1900 wieder wagte. er beeinflusste Schinkel, Karl Friedrich und auch die Anfänge Klenzes (Klenze, Leo von) in Müchen. Weder Schinkel, Karl Friedrich noch Klenze aber waren so kühn wie er und Ledoux, Claude-Nicolas. Rein klassizistisch sind das Werk von Weinbrenner, Friedrich in Karlsruhe (seit 1800, weitgehend zerstört), das Danziger Stadttheater (1798-1801) von Held und das Würzburger Frauenzuchthaus (1809 von Speeth). Schinkel, Karl Friedrich war ohne Frage der bedeutendste Architekt des Klassizismus, nicht nur in Preussen, ja nicht nur in Deutschland. Neben seiner Neuen Wache, seinem Alten Museum und seinem Schauspielhaus, alle in Berlin, stehen aber auch anglo-gotische Bauten wie die Werdersche Kirche und Neubabelsberg, die denkwürdigen Kirchenentwürfe seiner Spätjahre in einm frei behandelte Rundbogenstil und die vom Historismus sich völlig freihaltenden Bauten wie die Bauakademie (abgerissen). Klenzes Historismus ist bestimmt umrissen: er umfasst die frühchristlich-italienisch-romanische Allerheiligen-Hofkirche (1826ff.), das Leuchtenberg-Palais (1816) und den Königsbau der Residenz (1826), alle in München, in entschiedenen Quattrocento (Italien), obwohl er mit der strengsten perikleischen Ordnung noch bis in die 30er Jahre operierte (Walhalla Regensburg). Damit war alles bereit für den Stil, der von den 30er Jahren bis zum Anfang des 20. Jhs. herrschte. Es ist der Stil des Eisenbahnzeitalters, der Historismus, d.h. das Nachahmen von mehr als zwei Stilen der Vergangenheit gleichzeitig, entweder gemäss gewissen evokativen oder assoziativen Kriterien oder einfach gemäss den Wünschen der Bauherren. Chronologisch folgen aufeinander Dorik (Klassizismus), Neugotik, italienische Neurenaissance, zum üppigen Cinquecento sich steigernd und dann in noch üppigeren Neubarock einmündend; gleichzeitig gelten französische Renaissance (gelegentlich; im Schweriner Schloss von 1844ff. auffallend früh) und deutsche Renaissance (vor allem seit 1870) als Vorbild. Beispiele können wieder aus allen Teilen Deutschlands zusammengetragen werden. Der Rundbogenstil hielt durch die Mitte des 19. Jhs. an. er kann frühchristlich oder italienisch-romanisch sein, verschmilzt aber auch mit dem Quattrocento und dem frei Asymmetrischen sogen. italienischen Villenstil, den Barry in England eingeführt hatte. Zum ersten Typ gehören Gärtners Ludwigskirche in München (1829ff.) und Persius` Kirche in Sakrow bei Potsdam (1841ff.), aber auch - kurioserweise - eine Anzahl von Bahnhöfen, z.B. Karlsruhe (1842) und München (1847-49) von Bürklein. Der Thüringer Bahnhof in Leipzig (1856) jedoch hatte die typischen Villentürme. Dieser Villenstil sagte Friedrich Wilhelm IV. zu, und er verwandte ihn für die Orangerie bei Potsdam und den Pfingstberg. Karlsruhe wurde, dank Hübsch eine Hochburg des Rundbogenstils (z.B. die Technische Hochschule, 1833ff.). In Hannover hielt sich dieser Stil bis tief in die Hälfte des 19. Jhs. Die Entwicklung von der zurückhaltenden Neurenaissance des frühen Neoquattrocento zum üppigeren Stil des späteren Neocinquecento ist schon angespielt in derjenigen von Klenzes Königsbau von 1826 zu seinem Festsaalbau der Münchener Residenz von 1832. Sie ist besonders schlagend dokumentiert in Sempers erstem und seinem zweiten Dresdener Opernbau, d.h. 1834-41 und 1871-78. Zwischen dem freien Cinquecento und dem Neubarock fluktuiert die Grenze. Jedenfalls sind noch afu der Cinquecentoseite die Technischen Hochschulen von Dresden (1872ff.) und Charlottenburg (1878ff., heute Technische Universität), ist auf der Grenze zum Barock die Börse in Frankfurt (1874ff.) und sind voll-barock Paul Wallots Reichstag von 1884ff. und Raschdorffs Berliner Dom von 1894ff. Mit dem Reichsgericht in Leipzig von Hoffmann setzt schon 1887ff. eine Wendung zu grösserer Zurückhaltung ein. Für Kirchen blieb die Gotik vorherrschend. Die Entwicklungslinien seit etwa 1850 müssen von der Forschung noch gezogen werden. Berlin hat im späten 19. Jh. interessante protestanische Grundrisse. Romanische Bauten werden im Wilhelminischen wieder propagiert (Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche von Schwechten, 1895ff.). Im Profanbau tritt die Gotik mehr und mehr zurück, obwohl Rathäuser ihr noch anhängen (Berlin, 1861ff., von Waesemann, sehr zurückhaltend; München, 1867ff., von Hauberrisser, niederländisch-üppig; und Wien). Die norddeutsch-niederländische Renaissance löst die Gotik ab (Gerichtsgebäude Köln, 1869ff.; Rathaus Bielefeld, 1902ff.). Andere Stile sind seltener, so etwa der Perraults in Hitzigs Berliner Börse von 1859-63 und der von Versailles in Herrenchiemsee von 1878ff. Die Bauten Ludwigs II. von Bayern (Neuschwanstein, beg. 1869) gehören zu jenem europäischen Historismus, der in Frankreich unter Napoleon III. zur Erbauung des Schlosses Pierrefonds (1848-70), in Deutschland zur Wiedererrichtung der {Hohenzollernburg (1844-67), der Burg Lichtenstein (1837-42) oder des Rheinschlosses Stolzenfels (begon. 1836) führte.

Drucken